Schampus für alle

Sternebewertung
3/5

Schampus für alle

Aldi – Eine Deutsche Geschichte

 

Prof. Dr. Guido Knopp war für Jahrzehnte der Chefhistoriker des Zweiten Deutschen Fernsehens.

Mit seinem Buch über die Geschichte des Unternehmens  Aldi bietet er uns einen Einblick in ein deutsches Nachkriegswirtschaftswunder. Er beschreibt, wie aus einem kleinen Krämerladen im Ruhrgebiet von den Brüdern Karl und Theodor Albrecht ein Weltunternehmen geschaffen wurde.

Wer kennt sie nicht, diese typisch blauen Schilder der Aldi-Discount-Märkte? Kaum eine deutsche Stadt, in der es keinen ALDI-Markt gibt.

In 10 Kapiteln, ihrerseits unterteilt, schildert Knopp Herkunft, Aufstieg, Gründe für den Erfolg bis hin zum Tod der Gründer wichtige Stationen und Hintergründe zum Leben und Wirken der Familie Albrecht. Dazu muss man wissen, dass diese lebenslang versucht haben, ihr Privatleben so wenig als möglich publik zu machen, stets war man auf Diskretion bedacht.

Schon in Kapitel eins deutet Knoop an, dass viele der Geschichten aus dem Leben der Albrechts wohl vage anmuten. Tatsache ist, dass der Bäckergeselle Karl Albrecht  Senior  1913 in der Mittelstraße 87 in Essen-Schonnebeck eine Bäckerei eröffnete, frei nach dem Motto:

„Ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein.“ (Karl Albrecht Senior)

In der Huestraße, unweit der Bäckerei, dürfte sich dann ab circa 1918 die erste Aldi-Verkaufsstelle befunden haben. 1922 und 1929 kamen die Söhne Karl und Theodor zur Welt. Eingebettet werden diese Informationen in die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1913 bis 1923. Mit solchen Legenden, dass die Familie am Hungertuch genagt hätte, wird allerdings aufgeräumt. Weiter werden die Kriegsjahre der Brüder Albrecht in der Wehrmacht bis 1945 geschildert.

Das zweite Kapitel führt dann die Wanderung durch die deutsche Geschichte, gespickt mit kleinen Details aus dem Leben der Albrechts, fort. So erfahren wir, dass Karl Albrecht 1953 mit seinem Bruder gemeinsam geplant hatte, das Verkaufsprogramm zu erweitern und ein Filialnetz aufzubauen. Das war aber auch schon die ganze „Strategie“. 1950 gab es  dreizehn Geschäfte, 1953 schon 30 Filialen im Raum Essen.

Um dem Kunden einen Vorteil gegenüber anderen Händlern anbieten zu können, wurden die Waren günstiger angeboten. „Zugartikel“ wie Butter wurden gar zum Selbstkostenpreis verkauft. Das Warenangebot wurde auf sogenannte „Schnelldreher“ reduziert, waren die schnell rein und wieder herausgehen. Parallelwaren, also ein Produkt unterschiedlicher Anbieter, wurden vermieden. Das Konzept war improvisiert.

Kapitel drei bettet die Geschichte der Aldi-Brüder in die Entwicklung der Lebensmittel-Discounter in Deutschland ein, denn die ersten waren sie nicht. Ab 1960 bis circa 1966 erfolgte die Auftrennung des Unternehmens in die Bereiche Aldi Nord und Aldi Süd. Dauertiefpreise und minimalistische Warenpräsentation sind das Argument am Markt.

Das Qualitätsversprechen von Aldi und der Fall Christine Hartgens aus Köln führten übrigens zu folgender Aussage und bis heute bestehenden Politik:

„Filialmitarbeiter dürfen (Anm. des Autors: bei einem Umtausch) unter keinen Umständen Einwände erheben, gar den Umtausch ablehnen, und ist die Sache noch so durchsichtig und anrüchig.“ (Eberhard Fedtke)

Der Leser erfährt auch, dass die Liquidität des Unternehmens und die Finanzierung der Expansion sich in der extrem schnellen Umschlaggeschwindigkeit der Waren von knapp 8,5 Tagen bei einem Zahlungsziel von 14 Tagen und mehr beim Lieferanten inklusive Skonto begründete. Somit wuchs die Liquidität stetig. Aber der geschickte und sorgsame Umgang mit Geld zeigte sich nicht nur hier, es wurde jede Buchklammer aufgehoben, Briefkuverts wurden als Schmierpapier genutzt …

„Theo Albrecht war die Sparsamkeit in Person.“ (Eberhard Fedtke)

Er hat stets nachgedacht, gegrübelt und in großen Zahlenkolonnen gedacht. Wenn in 1000 Läden jeden Tag 1 Mark gespart werden, sind das schon 1000 Mark und so weiter. Betriebsfeste gab es nicht.

Informationen über die Aldi-Brüder haben einen geringen Bekanntheitsgrad. Stets eingestreut erfährt man, dass sie gerne Golf gespielt haben und Karl Albrecht sogar ein Golfhotel in Donaueschingen besaß.

Ab Seite 113 beginnt dann die Geschichte darüber, wie Theo Albrecht entführt wurde. Weil darüber sehr viele Details veröffentlicht würden, ist diese für Theo Albrechts Leben traumatische Phase ausführlich beschrieben. Auch hier wieder unterbrochen mit persönlichen Informationen. So gibt es auch eine Aldi-Stiftung.

„Gutes tun und nicht darüber reden – das ist Ausdruck seines christlichen Selbstverständnisses.“ (Thomas Roeb)

Kritik am Aldi-Prinzip, weil es zuerst den Umsatz sieht, findet auch ihren Platz.

Fazit:

Guido Knopp arbeitet das Thema „Schampus für alle“ und so die Unternehmensgeschichte der Aldi-Gruppe unterhaltsam auf. Leider sind die Einblicke in das persönliche Leben und Denken situationsbedingt spärlich gesät, Einblicke in das Geschäftsmodell sind nicht tiefgreifend wie bei Autobiografien bei dem kürzlich verstorbenen Götz Werner von dm oder Dirk Rossmann.

Die Geschichte ist angenehm zu lesen, Passagen über die Entführung ziehen sich ungünstigerweise in die Länge. Das Buch präsentiert einen gekonnten Mix aus Aldi-Unternehmensgeschichte, deutscher Geschichte und über die Funktionsweise dieses  Discounters.

Insgesamt fehlt diesem Buch der Begeisterungsfaktor, weil es an allen Themen stets oberflächlich zu bleiben scheint.

Ich kann dieses Buch all denen empfehlen, die sich für dieses Unternehmen interessieren. Tiefgreifende neue Erkenntnisse sollte der Leser allerdings nicht erwarten, vieles kommt einem irgendwie bekannt vor.

 

Bewertung: Interessant

Geeignet für:  Interessierte

Über den Autor:

Guido Knoop wuchs in Aschaffenburg  auf und studierte ab 1968 in Frankfurt, Amsterdam sowie Würzburg Geschichte und Politik. Er war für Jahrzehnte der Chefhistoriker des  Zweiten Deutschen Fernsehens. Er moderierte bis 2000 die ZDF-Reihe „Damals“. 2013 wurde er pensioniert.

 

Verlag: Krüger

Erscheinungsdatum: 28.04.2021

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Erste Auflage 2021

Genre: Unternehmertum

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