Bewertung
#DERBANKBART
Vom Börsenhändler zum Finance Creator
Manchmal schreibt der Zufall das Vorwort zu einer Rezension. Eigentlich sollte ich hier eine Buchvorstellung schreiben. Aber ich habe viel mehr Lust, davon zu erzählen, was mich mit diesem Buch verbindet. Denn diese Geschichte hätte sich wohl kaum jemand ausdenken können.
Im August 2026 fragte mich Frau Moosmang vom Vahlen Verlag, ob ich das Erstlingswerk von Jürgen Schmitt, dem „Bankbart”, meinen Lesern vor stellen möchte. Die Beschreibung des Verlags versprach auch Tipps für das LinkedIn-Marketing. Bei meiner Recherche stieß ich auf Jürgens Videos auf YouTube und selbstverständlich auf seinen LinkedIn-Account. Ich gab Frau Moosmang meine Zusage, jedoch mit der Bitte, mir das Exemplar erst am 21. September, nach meiner Urlaubsreise, zu schicken.
Am 18. September saßen mein Mann Ion und ich am Gate 4A des Flughafens in Singapur und warteten auf das Boarding für unseren Anschlußflug nach Frankfurt. Plötzlich blieb mein Blick an einem Mann hängen, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Ich erzählte Ion kurz von meiner Entdeckung und er antwortete: „Dann geh rüber und frag nach!“ Erst als ich seine markante weiße Uhr am linken Handgelenk sah, war ich mir sicher.
„Entschuldigung, sind Sie DerBankbart, Jürgen Schmitt?“
„Woher kennst du mich? Wollen wir uns nicht duzen?“
„Ich bin Buchbloggerin und der Vahlen Verlag hat mich gefragt, dein Buch zu rezensieren. Und jetzt sehe ich dich zufällig hier sitzen.“
Tatsächlich war ich von der Situation ziemlich überrumpelt. Jürgen erzählte kurz von seinem Buch und dass es nach den Dreharbeiten in Singapur weiter nach Vietnam geht. Wir lernten auch seine Kollegin Sabine kennen, die als Film Director arbeitet, und machten Erinnerungsfotos.
Also erst den Autor kennengelernt, dann das Buch.
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Wie im Filmklassiker „Pulp Fiction“ erzählt diese Autobiografie nicht einfach von A nach B. Mehrere Zeitebenen sind miteinander verwoben, drei Stränge wechseln sich ab. Die ungewöhnliche Kapitelstruktur ist bewusst gewählt. Kurze, abgehackte Sätze treiben das Tempo voran.
Der Händler: Parkett und Krisen
Der erste Strang handelt von Jürgens Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank und seinen Anfangsjahren als Börsenhändler in Frankfurt. Besonders spannend ist seine steile Karriere als Derivatehändler. Dabei kommen ihm seine Disziplin, sein Wille, immer einen Schritt voraus zu sein, und seine Fähigkeit, Zusammenhänge schnell zu durchblicken, zugute.
Von 1993 bis 2018 erlebt er in der Finanzwelt einiges: die Dotcom-Blase im Jahr 2000, die Subprime-Krise samt Lehman-Pleite im Jahr 2008, die Euro-Schuldenkrise im Jahr 2011 und den Brexit im Jahr 2016. Jede Krise zwingt die Branche zu Umstrukturierungsmaßnahmen, denn auch Banken müssen sich dem Markt anpassen. Das große Stichwort lautet Resilienz. Genau das lernt und verinnerlicht Jürgen bei der Bank tagtäglich.
Bis zum 11. Juni 2018.
Es gab Vorboten, wie bei einem Tsunami, wenn sich das Meer zurückzieht. In den Tagen davor hatte er schon von Kündigungen der Kollegen gehört. An jenem Tag trifft es ihn selbst. Die Bank hatte andere Pläne mit ihm.
„Ich bin mit der Achterbahn auf dem Weg nach Süden, suche Contenance und neue Ideen.“
„Nach 22 Jahren Handel und fast 25 Jahren Zugehörigkeit befinde ich mich in meinem persönlichen Greenwich. Der Nullmeridian.“
Jeder Leser kann seine Gefühlsregung exakt nachempfinden.
Der Neuanfang: Alles neu
Im zweiten Strang beschreibt er, wie und wann er auf die Idee kam, sein gesamtes Berufsleben umzustrukturieren. Sie kommt ihm beim Laufen in Griechenland. Diese Transformation veränderte seine Arbeitsweise grundlegend. Statt im Investmentbanking zu arbeiten, will er in die Kommunikationsabteilung wechseln und Filme über finanzielle Bildung produzieren. Edutainment also.
So entsteht das Format #ExpeditionFinance, das über Zukunftsthemen wie Payment, digitale Verschlüsselung, Nachhaltigkeit und Geldfragen berichtet. Es soll wie „Die Sendung mit der Maus“ für Finanzen sein und Fragen auf leicht verständliche Weise beantworten. Corona und ein knappes Budget bremsen das Projekt zunächst aus. Am 3. August 2020 geht es endlich live.
Der Creator: Menschen folgen Menschen
LinkedIn ist eine internationale Business-Plattform, die die Möglichkeit bietet, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und sich beruflich weiterzuentwickeln. Im dritten Strang erklärt Jürgen, wie er auf LinkedIn erfolgreich wurde. Auch hier gilt der Grundsatz: „Vertrauen aufbauen“. Was auf dem Frankfurter Parkett unter Händlern galt, gilt hier ebenfalls.
„Menschen folgen Menschen.“
Wie schwimmt man mit dem Algorithmus mit und baut Reichweite auf? Wie wird man sichtbar? Seine Tipps, authentische Beiträge mit Storytelling zu schreiben, sind nicht neu. Aber er schafft es, dass sie im Gedächtnis bleiben. Auch die wichtigsten Kennzahlen wie Impressionen, Kommentare und Engagement-Rate werden verständlich erklärt.
Sehr wichtig fand ich seine Kodex-Regeln für ein vernünftiges Miteinander in den sozialen Medien. In Zeiten von „Ragebait“, dem Jugendwort des Jahres 2026, bei dem Beiträge gezielt zu wütenden Kommentaren provozieren, sind solche Regeln dringend nötig.
„Wenn du nichts Gutes zu sagen hast, dann lass es.“
Damit schließt sich der Kreis zu seinen Anfängen in der Bank: Netzwerken, Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten, der Mut, neue Grenzen auszutesten, Resilienz und die Kraft, nach einem Fall wieder aufzustehen. Für Jürgen sind das keine hohlen Schlagwörter. Er lebt sie. Authentisch.
Fazit:
Jürgen Schmitt schafft es, sein Leben mit spannendem Storytelling zu erzählen. Seine Autobiografie über den Rollenwechsel vom Banker zum Content Creator liest sich überaus kurzweilig. Ein Ratgeber ist sie nicht, eher Edutainment: Ideen, Haltung, Inspiration und Mut. Seine wichtigste Botschaft lautet: Auch wenn dir das Leben Steine in den Weg legt, vertraue deinen Fähigkeiten und starte etwas Neues. Es wird dich weiterbringen.
Meine wichtigste Botschaft lautet: Denn sein Weg motiviert auch jeden anderen durchzuhalten.
Man merkt förmlich, wie viel Herzblut und Feinschliff er in das Buchprojekt gespendet hat. Mit dem Wunsch sein Mindset und sein Wissen weiterzugeben, was ihn selbst so sehr geprägt hat.
Der Schreibstil ist locker, humorvoll und er beschreibt die Situationen grundehrlich. Die bildhafte Sprache hat mich gänzlich überzeugt.
Das nichtlineare Erzählen kann den Leser vorerst irritieren, aber er will ihn absichtlich gedanklich herausfordern.
Geeignet für: Fans von Autobiografien, Menschen, die LinkedIn besser nutzen möchten
Bewertung: inspirierend
Über den Autor:
Jürgen Schmitt (*1974), gelernter Bankkaufmann bei der Deutschen Bank, Parketthändler, seit 2020 Corporate Content Creator, er entwickelte das Videoformat #ExpeditionFinance und vermittelt heute als praxiserfahrener Brancheninsider unter dem Namen #derbankbart Finanzwissen auf digitalen Kanälen.
Verlag: Vahlen Verlag
Taschenbuch: 220 Seiten
Erscheinungsdatum: 06. Juli 2026
Erste Auflage
Genre: Autobiografie